Sie läuft die Straße hinunter und Schnee knirscht unter ihren Stiefeln und Schnee fällt vom Himmel, wirbelt in ihr Gesicht und treibt Tränen in ihre Augen. Ein eisiger Wind zerrt an ihrer Kapuze und sie zieht sie enger und beschleunigt ihre Schritte. Sie wünscht, sie könnte etwas fühlen. Sie wünscht, dass da etwas wäre, Ekel, Wut, Hass, Trauer, ein Gefühl, dass sie benennen könnte, aber da ist nichts.
Sie zwingt sein Bild in ihren Kopf, sie denkt an den lächerlich kleinen, schmalen Körper, dem sie nichts entgegenzusetzen hatte, an die schwarzen, platt auf dem Kopf aufliegenden Haare, der Mund mit den schiefen Zähnen und wie zutiefst widerlich alles war, was aus diesem Mund kam.
Aber da ist nichts. Sie wünscht ihm nichts Böses, keine Strafe, nichts wie Gerechtigkeit, weil sie weiß, dass es sie nicht geben kann und sie weiß, dass nichts es ungeschehen machen kann. Nichts kann es wegnehmen. Vielleicht wünscht sie sich am ehesten, dass er nie geboren worden wäre. Dass sich ihre Wege nie gekreuzt hätten.
Aber da ist dieser seltsame Gedanke, dass es dann jemand anderes gewesen wäre, dass es passieren musste und dass... dass sie es darauf angelegt hat, dass es passiert. Jedes Mal, wenn sie mit Typen mitgegangen ist, die sie nicht kannte oder sich in die Bewusstlosigkeit getrunken hat oder wenn sie wieder eine dunkle Straße ganz allein hinabgelaufen oder mit einem Fremden ins Auto gestiegen ist. Als ob sie die Welt herausgefordert hätte, endlich ihre hässliche Fratze zu offenbaren, als ob sie dem nie getraut hätte, diesem immer irgendie OK sein und unangetastet. Sie wünscht sich, dass es ein grenzenloses Vertrauen in die Welt war und vielleicht war es das auch, das und aber auch die Gewissheit, dass was passieren muss, passiert und dass man nichts dagegen tun kann.
Und dann als es passierte, war es nicht, weil sie leichtsinnig gewesen war und etwas tat, von dem sie wusste, dass es sie in Gefahr bringen könnte und das überraschte sie, aber es entlastet sie auch.
Der Schnee fällt jetzt leichter und sie läuft noch immer und sie spürt dieses flaue Gefühl und sie weiß, wie schnell ihr Herz jetzt rasen muss, weil sie Angst hat, so verdammte Angst, die dunkle Straße alleine hinabzulaufen und es kann nicht Ok sein, wenn sie solche Angst hat. Nicht wenn sie früher immer so stolz die Straße hinabgeschritten ist und wusste, dass nichts passieren würde und wenn doch, dass sie vorbereitet ist und kämpfen wird. Sie hatte immer diese Vorstellung, dass sie jeden töten würde, der sie zu brechen versuchen würde, dass sie ihn aufspüren würde und töten. Sie dachte immer, sie würde zornig sein. Beinahe muss sie laut auflachen. Sie ist nicht zornig, nicht da und auch jetzt nicht und vorbereitet gewesen ist sie auch nicht, gar nicht und sie konnte nichts tun. Sie konnte nichts tun.
Sie zwingt ihre Gedanken zu der Nacht zurückzukehren, ein weiteres Mal. Sie geht andauernd zurück zu der Nacht und hofft, dass sie etwas fühlen wird diesmal (und manchmal tut sie das, manchmal weint sie) und dass sie sich erinnert. Sie muss sich an das Gefühl erinnern, damit es aufhört surreal zu sein, wie ein böser Traum, der doch keine Bedeutung haben kann. Wenn sie es schafft, das Gefühl zurückzuholen, sich zu erinnern, dann wird sie auch etwas fühlen, etwas authentisches fühlen.
Denn vielleicht ist das das Unerträglichste. Dass sie nicht weiß, was sie wirklich fühlt oder denkt oder ob sie nicht nur fühlt, was sie denkt sie müsse es fühlen. Denkt, was sie denkt sie müsse es denken. Dass sie manchmal denkt, sie zwinge sich in das Trauma, weil es so sein müsse.
Manchmal ist sie davon überzeugt, dass die Polizei in Laos recht hatte und dass doch gar nichts passiert sei. Dass sie recht hatten, als sie nicht begreifen konnten, dass sie etwas Schlimmes erlebt hatte.
Sie geht also ein weiteres Mal zurück zu der Nacht, um zu beweisen, dass sie unrecht hat. Sie geht zu dem Moment zurück, als diese schleichende Unruhe und dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt und etwas Schlimmes passieren würde zu einer Gewissheit wurde. Als die Welt einen Riss bekam.
Wenn sie sich nur erinnern könnte, wann genau es gewesen ist, wenn sie nicht so besoffen und bekifft gewesen wäre und sich erinnern würde, wann genau sie das Handtuch verloren hat, als sie zaghaft, zu verdammt zaghaft versucht hat, ihn aus ihrem Zimmer zu schmeißen. Wann sie nackt war und ob er genau dann ihre Handgelenke gepackt hat und ob es genau dann war, in diesem Moment, dass die Welt zerriss und etwas so unendlich Schweres sich auf sie senkte, dass sie später auf den Boden sank und nicht mehr aufstehen konnte. Oder das Bild vom Spiegel, das sie gebraucht hat, ein Spiegel der von oben nach unten zerspringt und dann in tausend Teile zerbrochen auf dem Boden verteilt liegt. Etwas zerbricht in diesem Moment, etwas fällt in ihr, fällt aus ihr, verlässt sie für immer.
Sie erinnert sich, dass sie gedacht hat, dass das nicht sein kann, dass es nicht passieren kann, dass es unmöglich ist, ein böser Traum, ein böser Traum sein muss. Es ist so entsetzlich surreal. Es gleicht ihrenen Alpträumen so fürchterlich. Und ja, vielleicht dachte sie immer, dass es irgendwann passieren würde, aber in echt war sie sich sicher, dass es nicht so sein würde. Sie wusste immer, dass sie OK sein würde.
Aber hier ist sie und es ist nichts OK, gar nichts ist OK, sie ist nackt und er hält sie fest und er wird ihr etwas Böses antun, er wird ihr das Schlimmste antun und sie ist so hilflos, so unendlich hilflos, ihre Welt zerbricht, ihre ganze Welt zerbricht und woher soll sie die Kraft nehmen, wenn sie doch alle Kraft braucht nicht selbst zu zerbrechen und zu Boden zu sinken; wenn sie nur mehr Kraft hat zu stehen und ihn von sich weg zu halten, weg von ihrer Nacktheit, ihrer Blöße, ihrem Körper. Sie muss ihn weit weg von sich halten, weil es unerträglich wäre, wenn er sie berührte, sie muss ihren Körper schützen vor ihm, vor seine schmutzigen, widerlichen Händen, vor seinem Zugriff. Aber sie weiß immer noch nicht, wie sie es geschafft hat ihn von sich zu halten, weil sie keine Kraft hatte. Wie in den Albträumen, die sie hatte, wo sie kraftlos war und nicht schreien konnte und nicht schlagen und nicht weglaufen. Genau so ist es und deswegen muss es ein Traum sein.
Und alles was sie tut ist zu weinen, zu winseln, zu betteln, dass er geht, dass er ihr Zimmer verlässt. Aber er geht nicht, er lässt sie nicht los. Sie ist ein Lamm, klein und unschuldig und hilflos und so unendlich ohnmächtig und sie bettelt um ihr Leben und er muss doch sehen, dass sie unschuldig ist und rein und hilflos und ein Lamm und er muss sich doch erbarmen. Sie fleht den Wolf an, sie nicht anzufallen, weil sie nicht glauben kann, nicht glauben will, es nicht aushalten würde zu wissen, dass er ein Wolf ist. Und er lässt sie nicht los und sie weiß nicht, wie sie das aushalten kann, nein, sie weiß, dass sie es nicht aushalten kann, sie weiß, dass es das ist, was alle Kraft aus ihr zieht, sie weiß, dass sie nicht mehr lange Widerstand leisten kann gegen so viel Dunkel.
Und dann ist da dieser Gedanke, dieser klare Gedanke ihres Über-Ichs, das immer genau weiß, was sie tun muss und sie denkt: Du muss jetzt schreien, du muss jetzt kämpfen.
Und dann- ist es in genau diesem Moment gewesen? Ist danach wirklich nichts mehr gewesen? Hat er sie wirklich niemals angefasst? Wie lange seitdem er sie gepackt hat? Es müssen Sekunden gewesen sein, aber wieviele waren es? Und ist er sofort losgerannt, hat er sofort losgelassen, als sie geklopft haben? Haben sie zuerst geklopft und dann erst immer lauter gerufen oder haben sie sofort geschrien? Und wie konnten sie sie hören, wenn sie doch nicht schreien konnte?
Sie weiß nur, dass dann ihre Freunde klopfen und sie retten und dass er dann weggelaufen sein muss, denn sie liegt auf dem Boden, nackt, allein und sie heult und sie hämmern gegen die Tür und rufen und sie weiß, dass sie aufstehen muss. Sie muss aufstehen und die Tür öffnen, damit sie wissen, dass sie Ok ist, aber sie kann nicht, sie kann nicht. Sie kann nicht aufstehen. Sie liegt auf dem Boden und heult und das ist alles, was sie tun kann.
Dann hört sie Schritte auf der Verandah und sie muss davor den Sarong über sich gezogen haben. Und dann ist Stefan da und er fragt die ganze Zeit, ob er ihr weh getan habe und sie weiß nicht, was sie antworten soll, weil sie sagen will, ja, er hat mir wehgetan, aber gleichzeitig weiß sie, dass er ja eigentlich fragten will, ob er sie vergewaltigt hat und das hat er ja nicht. Und sie denkt nur, wieso kannst du nicht fragen: Hat er dich vergewaltigt? Und dann könnte sie sagen, er hat es versucht. Stattdessen fragt er in einem fort, ob er ihr weh getan hat und irgenwann würgt sie selbst die Worte hervor, nein, dass er sie nicht vergewaltigt habe, ja, dass er ihr wehgetan habe, weil er es versucht hat. Er hat versucht sie zu brechen.
Sie erinnert sich, wie er dann aus dem Bad herauskam, ER und dass sie sich so wünschte, ihre Freunde würden ihn zusammenschlagen oder sie würde es tun, aber sie weiß, dass sie das nicht im Inneren gewünscht hat, sondern dass sie im Inneren nur in Scherben war und dass alles so dunkel war und dass sie nicht mehr konnte. In ihr war kein Platz gewesen für Wut oder Rachegefühle, sie fühlte sich nur verpflichtet das zu denken. Und ja, sie wünschte, dass sie ihn zusammenschlagen, aber nicht, damit er Schmerz erleidet, sondern damit sie merkt, dass sie fühlen für sie, wenn sie nicht fühlen kann, dass sie sie beschützen, dass sie soviel für sie fühlen, dass sie alles kaputt machen, was sie kaputt machen will.
Und dann konnte sie nicht mehr und hat sich auf den Balkon gesetzt und noch gedacht, ob sie springen soll, auf diese seltsame Weise gedacht, völlig emotionslos, völlig von sich gelöst. Und dann holt das Dunkel sie ein und sie heult,, gibt sich dem Dunkel hin und irgendwann war Sfefan da und hat sie gehalten. Und danach ist sie stark gewesen.
Und jetzt wo sie an der Haustür angelangt ist und die Tür aufschließt und den Schnee von den Schuhen abklopft- jetzt wünscht sie sich, dass sie nicht hätte stark sein müssen. Dass sie hätte heulen können, bis keine Tränen mehr dagewesen wären und sich zusammenkrümmen in ihrem Bett, dass jemand sie gehalten hätte und gesagt, alles wird gut und sie bei der Hand genommen hätte und bei ihr gewesen.
Aber da war niemand, da war nur sie und alles was sie tun konnte, war stark sein und sich zu sagen, dass doch gar nichts war, dass nichts passiert ist und es dann zu hören von der Polizei, bis sie es selbst glaubte (und überhaupt die Polizei- was für ein surreales, absurdes Theater) und was sie jetzt so unerträglich findet.
Nein, sie weiß, dass etwas war, weiß dass etwas unerträglich schlimmes ,unerträglich böses war. aber es kommt tatsächlich nicht zurück. Egal was sie tut, sie kann es nur von außen beschreiben, aber nicht fühlen, erfühlen, als wäre es nicht gewesen, gar nicht sie gewesen. Ich gewesen. Als wäre es nur ein böser Traum.
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